Sollen Herzkranke Tennis spielen?

Von Dr. Karsten Gericke 
Tipps in Kürze:
  • nur für geübte Tennisspieler
  • beim Belastungs-EKG mindestens 75 W
  • möglichst gleichstarke Spieler
  • kein ehrgeiziges Wettkampfspiel
  • nur ein Ball im Spiel
  • nur Einzel statt Doppel
  • nicht außer Atem geraten
Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen der vergangenen Jahre konnten belegen, dass regelmäßige körperliche Bewegung einem Herzinfarkt vorbeugen kann (Primärprävention). Selbst wenn schon ein Herzinfarkt eingetreten ist, hilft sportliche Tätigkeit langfristig dabei, dem Fortschreiten der koronaren Herzkrankheit und somit weiteren Herzinfarkten entgegen zu wirken (Sekundärprävention). Man könnte Sport deshalb durchaus mit einem Medikament vergleichen.

Wichtig ist hierbei, die richtige Sportart auszuüben. Und wie bei der Einnahme von Medikamenten kommt es auf die richtige „Dosis“ an. Eine „Überdosierung“ könnte zu Schaden führen. Koronarsport in einer ambulanten Herzgruppe ist in diesem Zusammenhang die beste und sicherste Möglichkeit, das „Medikament Sport" in der richtigen Dosis einzunehmen. Viele Erkrankte aber wollen zusätzlich individuell aktiv werden oder möchten alte sportliche Vorlieben fortsetzen.

Tennisspieler    Foto: BleßGrundsätzlich sind Ausdauersportarten wie Laufen, Schwimmen oder Radfahren den Wettkampf- oder Kraftsportarten vorzuziehen, da sich ihre Belastungsintensität besser steuern lässt. Für günstige Effekte auf Stoffwechselvorgänge mit  langfristiger Verbesserung von Blutzucker, Cholesterin, Blutdruck und Übergewicht sollten die Aktivitäten mindestens eine halbe Stunde andauern und drei- bis viermal in der Woche wiederholt werden. Die Belastungsintensität kann dabei relativ niedrig sein und orientiert sich an der so genannten „anaeroben Schwelle“. Das ist die Belastungsintensität, bei der die von der Muskulatur benötigte Sauerstoffmenge unmittelbar durch die Atmung gedeckt werden kann. Gerät man bei der Belastung „außer Atem", ist diese Schwelle überschritten.
Demnach sind solche beliebten Sportarten wie Fußball oder Tennis als ungünstig anzusehen, weil man im Wettkampf leicht dazu neigt, über diese Schwelle hinauszugehen und damit schädliche Belastungsintensitäten erreicht. Dieser Umstand führt dazu, dass viele Ärzte ihren Herzpatienten von der Ausübung dieser Sportarten strikt abraten. Dass dies zumindest für das Tennis nicht grundsätzlich gelten muss, konnte eine kürzlich in der Fachzeitschrift Herz/ Kreislauf veröffentlichte Studie zeigen.

Tennis   Foto: BleßUntersucht wurden wichtige Herz/Kreislaufparameter wie Blutdruck, Puls und Herzrhythmus während des Tennisspiels. Dabei wurden fünf verschiedene Spielvariationen miteinander verglichen, um die Spielform herauszufinden, die der Idealform eines gut dosierten Ausdauertrainings am nächsten kommt. Es wurden Einschlagen und Match mit jeweils einem oder vier zur Verfügung stehenden Bällen sowie Doppelmatch mit vier Bällen  miteinander verglichen. Voraussetzung zur Teilnahme an dieser Untersuchung war, dass es sich bei den Herzpatienten um geübte Tennisspieler mit ebenfalls geübten, etwa gleichstarken Partnern handelte. Darüber hinaus musste eine allgemein gute Belastbarkeit bestehen. In einem zuvor durchgeführten Belastungs-EKG wurden mindestens 75 Watt geleistet. Die durchschnittliche Belastbarkeit der Teilnehmer lag bei 138 Watt.

Als Resultat zeigte sich, dass im Einzelspiel mit nur einem zur Verfügung stehenden Ball beim Match und noch mehr beim einfachen Bälleschlagen die günstigeren Belastungen auftraten. Die Spieler mit nur einem Ball spielten automatisch sicherer und langsamer, um den Ball länger im Spiel zu „halten". Außerdem ergaben sich häufiger Verschnaufpausen, da der Ball nach jedem Ballwechsel aufgesucht werden musste. Das Doppel mit vier Bällen schnitt am ungünstigsten ab.

Die Autoren ziehen den Schluss, dass Tennis, insbesondere in den ausdauerbetonten Spielformen, auch in der Rehabilitation gut leistungsfähiger Herzkranker empfohlen werden kann. Voraussetzung ist zur Risikoabschätzung die übliche kardiologische Funktionsdiagnostik, insbesondere Echo, Belastungs-EKG und Langzeit-EKG. Außerdem sollte der Patient unter Belastung beschwerdefrei sein. Bei Herzklappenpatienten wird zusätzlich eine Stress-Echokardiografie empfohlen, um die belastungsabhängigen Blutflusseigenschaften über die erkrankte oder  künstliche Herzklappe, die bestimmte Grenzwerte nicht übersteigen sollten, festzustellen.

siehe auch: Sport treiben trotz des kranken Herzens?    (1/2000)
 

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