Titel Herz-Club-Magazin

Herzklappe und Endokarditisgefahr –
wie kann man vorbeugen?

Von Dr. Peter Dittmer
und Dr. Barbara Bialucha-Nebel

Die Endokarditis ist eine seltene, aber lebensbedrohliche Erkrankung, die ohne Behandlung meistens zum Tode führt. Wir haben darüber im Herz-Club-Magazin 2/2000 schon ausführlich berichtet. Gefährdet sind alle Patienten mit Herzklappenerkrankungen, auch wenn eine neue Klappe eingesetzt worden ist. Außerdem auch einige Patienten mit selteneren Herzerkrankungen (Einzelheiten siehe Kasten).

Gefährliche Bakterienhaufen bei starker VergrößerungZahnärztliche Eingriffe mit Blutungsgefährdung sind der häufigste Ausgangspunkt solcher Infektionen. Denn durch die Eröffnung des Blutkreislaufes können Erreger, die sich auch beim Gesunden immer in der Mundhöhle befinden, ins Blut eingeschwemmt werden und sich danach auf den geschädigten oder künstlichen Herzklappen ansiedeln. Alle Keime des Mundes können Infektionen auslösen, besonders wenn der Zahnarzt im Bereich der Zahnfleischtaschen arbeitet. So können schon Zahnsteinentfernungen eine Gefahr sein.

Fast vollständig verhindern kann man eine Ansiedlung und Vermehrung der Bakterien durch die rechtzeitige Gabe von geeigneten Antibiotika vor dem zahnärztlichen Eingriff. Üblicherweise erhält die gefährdete Patientengruppe durch den Kardiologen oder Herzchirurgen einen Ausweis mit offiziellen Empfehlungen für diese vorsorgliche Antibiotikagabe, die sogenannte „Endokarditis-Prophylaxe“.
 
Ein Endokarditis-Risiko besteht bei Patienten, die unter folgenden Erkrankungen leiden:
  • Angeborene Herzfehler
  • Operierte Herzfehler mit Restbefund (Restbefund bedeutet, dass trotz Operation kein regelrechter Zustand hergestellt werden konnte), ohne Restbefund nur für das erste Jahr
  • Erworbene Herzklappenfehler (Verengung oder Undichtigkeit)
  • Mitralklappenprolaps mit Mitralinsuffizienz (Undichtigkeit der Mitralklappe durch Durchschwingen der Klappensegel)
  • Hypertrophe obstruktive Kardiomyopathie (seltene Form der Herzmuskelerkrankung)
Ein besonders hohes Endokarditisrisiko haben Patienten mit
  • mechanischen oder biologischen Herzklappenprothesen (alle Patienten mit „neuen“ Herzklappen!)
  • bereits früher abgelaufener bakterieller Endokarditis
  • angeborenen, mit „Blausucht“ einhergehenden Herzfehlern

Bei welchen zahnärztlichen Eingriffen braucht man die Endokarditisprophylaxe?

  • Zahnextraktionen („Ziehen“ von Zähnen)
  • Zahnsteinentfernung
  • tiefergreifenden Behandlungen des Zahnhalteapparates
  • Zahnimplantationen oder Reimplantationen
  • Wurzelbehandlungen
  • Einlage von Antibiotikafäden oder -strips in die Zahnfleischtasche
  • Ersteinlage von kieferorthopädischen Bändern (keine Brackets)
  • interligamentärer Injektion von Lokalanästhetika (örtlicher Betäubung)
  • voraussehbarer Blutung bei Reinigung von Zähnen und Implantaten
Bei Patienten mit schlechter Mundhygiene wird zusätzlich die Anwendung desinfizierender Mundwässer ( PVP-Jodlösung, chlorhexidinhaltige Mundwässer) unmittelbar vor dem Eingriff empfohlen.

Keine Endokarditisprophylaxe ist notwendig bei

  • Füllungen
  • nicht-ligamentärer Injektion von Lokalanästhetika (örtlicher Betäubung)
  • Nahtentfernung
  • Anpassen und Platzierung von herausnehmbaren Prothesen und kieferorthopädischen Vorrichtungen
  • Abdrücken
  • Fluoridbehandlung
  • Röntgen-Diagnostik
  • Extraktion („Ziehen“) von „Milchzähnen“
Bei schlechter Mundhygiene oder bei bestehenden Zahnfleischtaschen kann es auch ohne zahnärztlichen Eingriff zu einer Keimeinschwemmung kommen. Deshalb ist für alle gefährdeten Patienten und deren nächste Angehörige (Partner, Eltern und Geschwister von herzkranken Säuglingen) sorgfältige Mundhygiene von großer Bedeutung!

Leider wird das Wissen um die Endokarditisprophylaxe noch viel zu selten umgesetzt: in einer amerikanischen Studie kannten nur 8 Prozent der gefährdeten Patienten und nur 39 Prozent der Zahnärzte die Notwendigkeit der Prophylaxe.

In einer deutschen Studie legten Eltern herzkranker Kinder nur in 67 Prozent der Fälle den vorhandenen Pass vor. Leider wurde auch nach dessen Vorlage in 42 Prozent der Fälle nicht die erforderliche antibiotische Prophylaxe durchgeführt.

Der HerzpassJeder Zahnarzt und jeder gefährdete Patient sollte wissen, dass ein Eingriff in die Zahnfleischtasche – einschließlich der Zahnsteinentfernung – bei einem gefährdeten Patienten der antibiotischen Endokarditisprophylaxe bedarf. Nur so können Risiken vermieden werden.

Als Patient der Kirchberg-Klinik haben wir Ihnen einen Ausweis zur Endokarditis-Prophylaxe (der oft einfach als „Endokarditis-Ausweis“ bezeichnet wird) ausgestellt, wenn Sie zu den gefährdeten Patienten gehören. In diesem Ausweis steht genau, mit welchen Medikamenten die Prophylaxe durchgeführt werden soll.

Wenn der Ausweis einmal verloren gegangen sein sollte, können Sie bei uns einen neuen bestellen.
Rufen Sie uns an, Telefon 0 55 24 / 8 59-2 12.
Wie immer ist diese Leistung des Patienten-Clubs völlig kostenlos.


siehe auch: Endokarditis - Was ist das?

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(c)  Idee und Resalisierung dieser Präsenz: Karl Heinz Bleß, Bad Lauterberg, www.bless-online.de